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Quo vadis Erfurter Radverkehr? (dazu eine Gegendarstellung)

Die schlechte Nachricht sei gleich vorangestellt: Die Stadtverwaltung hatte für 2011 50.000EUR zur Radwegereparatur eingeplant, das sind 25ct pro Einwohner. Da sie dafür keine Verwendung sah, wurden die Mittel für andere Zwecke freigegeben! Kein Wort darüber im Arbeitskreis Radverkehr, wohl wissend, dass nicht nur dem ADFC einige Einsatzzwecke eingefallen wären. Man hätte zum Beispiel die Anbindung der Löberstaße an die Eichenstraße ordentlich gestalten können, wenn man denn gewollt hätte, oder Bordsteine absenken und Markierungen anbringen können, oder oder…

Dass die Radfahrer in Erfurt sich selbst überlassen sind, wurde im Sommer wieder mal sehr deutlich. Da waren die zahlreichen Baustellen in der Stadt, z.B. an der Bahnhofstraße, wo die Querung des Ringes für Radfahrer einfach verboten wurde. Ja, es war dort etwas eng wenn Busse entgegen kamen, aber Rücksicht sollte etwas Gegenseitiges sein. Deshalb kann man das Problem nicht einseitig auf Kosten der Radfahrer lösen. Folglich ignorierten fast alle Radler das Verbot, was ja die Sicherheit auch nicht erhöht. Hätte man nicht die Radfahrer konkret auf die Gefahr hinweisen können (Achtung Bus), oder die Querung etwas breiter lassen können?

Das nächste Beispiel: An der Baustelle westlicher Anger hat man einfach den Zusatz „Fahrrad frei von 18:30 bis 9:00“ am Fußgängerzonen–Schild entfernt. Offizielle Begründung: das ist eine Baustelle, und dort haben Radfahrer nichts zu suchen. Warum sperrt man den Anger dann nicht auch für Fußgänger? Also wieder eine „Lösung“, die nicht das eigentliche Problem beseitigen sondern nur die Haftung für die Stadt ausschließen soll. Und wieder auf Kosten der Radfahrer!

In der Melchendorfer Straße hat man, schon 2010, den gemeinsamen Rad/Gehweg wegen Hausbau-Arbeiten gesperrt und eine 800m lange Umleitung für ein 150m langes Stück ausgeschildert. Die angrenzende Einbahnstraße wäre mit ein paar kleinen Korrekturen in Gegenrichtung zu öffnen gewesen und wurde von vielen Radlern (stark frequentierte Strecke nach Südost) auch so genutzt. Aber eines Tages stand die Polizei vor Ort und kassierte Einen nach dem Anderen ab, Zufall?

Kurzer Radweg in der Eichenstraße

Doch fast am schlimmsten ist die missglückte Anbindung des schönen roten Radstreifens in der Löberstraße an das Stadtzentrum. Nach dem Ende der Kanalbauarbeiten am Ring hat man ein unzulässiges „Radwegende“ frisch hergerichtet. Folgt man den Markierungen stadteinwärts, fährt man neben den gleichzeitig rollenden Kfz in die Eichenstraße (Parkplatzeinfahrt). Aber nicht, wie es hätte sein müssen auf der Straße, sondern auf einen Radweg. Der ist zwar auf Null abgesenkt, endet aber nach 15m an einer Kante, wo man die Vorfahrt der von hinten und von rechts kommenden Kfz beachten muss. Wenn man es denn bemerkt! Einfacher und sicherer wäre es gewesen, man hätte den Platz für den Radweg der Straße zugeschlagen und ein regelgerechtes Radwegende gebaut. Dann würden auch nicht die Fußgänger auf diesem an der Ampel warten. Zwar wurde die Thematik schon seit Monaten im Arbeitskreis Radverkehr angesprochen, aber die Verantwortlichen sahen dies nicht als Sicherheitsproblem. Aber wir werden dranbleiben und sehen, dass sich noch etwas ändert.

Radweg in der Eichenstraße

Da nützt es wenig, wenn wir in die Diskussion des Verkehrsentwicklungsplanes (VEP) einbezogen sind oder lange Prioritätenlisten produzieren. Die konkreten Maßnahmen vor Ort machen das Leben aus. Es ist sehr auffällig, dass die Radfahrer in Erfurt recht eigenwillig und nicht an Regeln orientiert durch die Stadt fahren. In anderen Städten sind sie disziplinierter. Aber woran liegt das denn? Wurde hier in den zwei Jahrzehnten Politik für Radfahrer gemacht, oder wurden sie dorthin verfrachtet, wo sie den Autoverkehr nicht behindern? An welchen Interessen ist die Erfurter Radverkehrsplanung orientiert? Am Radfahrer jedenfalls nicht, sonst hätte man ihm vorteilhaftere Plätze eingeräumt. Stattdessen werden wir auf Bordsteine gedrängt, nach dem Motto: „da stellen wir ein Schild auf, dann müssen die…“ Tun sie aber nicht. Und daher kommt das Chaos, denn jeder sucht sich selbst seinen optimalen Weg.

Kann man nicht Markierungen anbringen und dem Radler zeigen, wo er fahren soll, muss es stets über holprige Kanten gehen, können Ampelschaltungen nicht so sein, dass man nicht ewig warten muss?

Kein Mensch kann verstehen, warum auf manchen Bordsteinwegen gefahren werden muss, auf anderen aber nicht gefahren werden darf. Natürlich sind sie ausgeschildert, aber auch das folgt keiner vor Ort erkennbaren Logik. Vielleicht ist die ja für die Planer vorhanden, wenn man sich damit beschäftigt, aber nicht für den normalen Nutzer. So bleibt weiter der Wunsch nach Wegen, die intuitiv richtig benutzt werden — also viel zu tun für uns! Vielleicht führen ja die im VEP angedachten Radschnellwege in die richtige Richtung. Aber das dauert sicher noch einige Jahre.

50.000EUR werden dann nicht reichen, aber noch viel wichtiger ist guter Wille.

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Zu obigen Beitrag "Quo Vadis Erfurter Radverkehr" erreichte uns folgende Gegendarstellung von Herrn Glanz (Amtsleiter Tiefbau– und Verkehrsamt).

Die Fragestellung "Quo vadis Erfurter Radverkehr?" kann ich damit beantworten, dass der Radverkehr in Erfurt auf einem guten Weg ist. Dies lässt sich auch mit den Zahlen belegen.

Richtig ist, dass im Haushaltsplan 2011 400,0 T€ für die Geh- und Radwegsanierung (HH-Stelle: 63000.51012) eingeordnet worden sind, 2009 waren es ebenfalls 400,0 T€, 2010 300,0 T€. Von diesen 400,0 T€ wurden, und das ist korrekt, 50,0 T€ auf eine Haushaltsstelle des Straßenbetriebshofes umgesetzt. Auch wenn diese faktische Reduzierung zu verzeichnen war, haben wir zum Jahresabschluss 375,4 T€ auf dieser HH-Stelle für den Rad und Gehwegebau verausgabt. Zudem kommen noch Instandsetzungs- und Unterhaltungsarbeiten an Rad- und Gehwegen, die zum einen durch den Straßenbetriebshof unseres Amtes durchgeführt worden sind und zum anderen über eine andere Haushaltsstelle des UA 63000 in Höhe von 319,4 T€.

Ferner wurden im Vermögenshaushalt bis zum heutigen Tag weitere 180,1 T€ für die Finanzierung von Radwegen verausgabt und für weitere 99,8 T€ standen per 20.12.11 noch Rechnungen zur Begleichung aus. Für die Instandsetzung von Gehwegen in der Borntalsiedlung sind es noch einmal über 200 T€.

In Summe hat die Stadt im Jahr 2011 1.184,6 T€ für die Unterhaltung und Instandsetzung von Rad- und Gehwegen aufgewendet. In diese Summe sind die Leistungen des Straßenbetriebshofes noch gar nicht eingerechnet und ebenso fehlen die Leistungen für Markierungen. Rechnet man alles zusammen sind es mehr als 1.200 T€ (in Worten: Eine Million Zweihundertausend Euro)!

Es ist an dieser Stelle also festzustellen, dass Frau Schlisio irrt, wenn sie behauptet, für die Geh- und Radwegesanierung seien in 2011 nur 50.000 Euro eingestellt gewesen. Eine diesbezügliche Nachfrage in meinem Amt ist nicht bekannt.

Es geht aber auch darum festzustellen, dass der Arbeitskreis Radverkehr, ein durch die Stadt ins Leben gerufenes Gremium um Fragen des Radverkehrs zu diskutieren und den Radverkehr zu fördern, keine Institution ist, die über Fragen des Haushaltes zu beraten oder gar zu entscheiden hat. Auch den ADFC wird durch die Stadt nicht in Finanzentscheidungen zum Verkehrswegebau einbezogen, genau so wie der ADAC dabei nicht gehört wird. Diese Entscheidungen liegen, und so ist es demokratisch, beim Stadtrat. In diesem Zusammenhang ebenso schwierig ist das in Frage stellen der Arbeit des Arbeitskreises oder der Einbeziehung in die Diskussion um den Verkehrsentwicklungsplan ("Da nützt es wenig…"). Die Mitarbeit ist in jedem Fall freiwillig.

Bedauerlich ist für mich aber auch die Sichtweise der Autorin. Eine auf Konfrontation ausgelegte Diskussion ist nach meiner Meinung nicht geeignet die Verbesserung und Förderung des Radverkehrs als wesentlichen Bestandteil eines umweltfreundlichen Verkehrs zu erreichen.

Die Stadt Erfurt hat in den vergangenen Jahren viel für den Radverkehr getan. Dass schließt ein das Fehler gemacht wurden, die heute nur mit großem Aufwand gelöst werden können (z.B. die mangelnden bzw. ungenügenden Bordabsenkungen). Daran arbeiten wir. Das schließt aber auch ein, dass es Aufgaben gibt die aus planerischen oder finanziellen Gründen jetzt noch nicht gelöst werden können. Dazu zählt auch die von Frau Schlisio genannte Problematik in der Fortführung der Löberstraße. Bis zu einer Entscheidung über die Gestaltung des Quartiers wird dort durch die Radfahrer das zu tun sein, was sich aus der StVO ergibt: Die Vorfahrt zu beachten. Es gibt dort kein Sicherheitsproblem.

Die autogerechte Stadt zu fordern war ein Fehler des vergangenen Jahrhunderts. Die fahrradgerechte Stadt heute zu fordern geht an den Realitäten ebenso vorbei. Mobilität verwirklicht sich immer in der Abwägung und im Kompromiss der einzelnen Verkehrsträger. Dies ist einzupassen in eine vorhandene, in Erfurt z.T. mittelalterliche, Stadtstruktur. Das schließt die Förderung des Radverkehrs mit ein. Es schließt aber auch mit ein, daß über den interessenorientierten Blick hinaus die Gesamtzusammenhänge erkannt werden müssen. Dies lässt der Beitrag von Frau Schlisio leider nicht erkennen.

Die Frage lautet also nicht: "Quo vadis Erfurter Radverkehr?", sondern: "Cui bono? Wem nützt ein solcher Beitrag?"

© ADFC EF 2009

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